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Tom Schönauer

Tom Schönauer im Gespräch mit Carl Friedrich Schroer Part 3
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Seit einigen Jahren führen Wissenschaftler eine aufschlussreiche historische Debatte um das Thema Polychromie und bildhauerische Ästhetik. Erst daher wissen wir, dass die Empfindung des deutschen Archäologen Johann Joachim Winckelmann (1717-1768) von „edler Einfalt und stiller Größe“ angesichts antiker, monochromer Skulpturen einem zeitgenössischen Pathos entsprang, das sich zwei Jahrhunderte lang in der europäischen und amerikanischen Kunstwelt behauptete, ohne nachhaltig kritisch hinterfragt worden zu sein. Heute lässt sich Winckelmanns Zitat allenfalls noch eingeschränkt treffend zitieren, nachdem nunmehr bekannt ist, dass Bildhauer der Neuzeit zwar enorm von der Antike inspiriert wurden, ihr künstlerischer Impetus zur Produktion monochromer Skulptur allerdings vollständig auf ihrer Ignoranz der antiken Polychromie basiert. Antonio Canova (1757-1822) gehört zu den extremen Vertretern des klassizistischen Geschmacksideals, das grundsätzlich den sinnlichen Einsatz von Farbe auf Skulptur ablehnte. Diabolische Farbigkeit, Farbe als Geste sinnlicher Verführung, dem gegenüber stellte Canova das klassizistische Antikenbild, die ästhetische Reinheit. Zum Ausdruck gebracht wurde sie in der Farbe natürlicher Materialien, am makellosesten in weißem Marmor. Auguste Rodin (1840-1917), Aristide Maillol (1861-1944) oder Wilhelm Lehmbruck (1881-1919), um nur drei bedeutende Wegbereiter der Moderne zu nennen, sind Vertreter dieser "reinen" Skulptur geblieben. Im 20. Jahrhundert setzte ein wahrer Kult um die Unverfälschtheit des Materials ein, Illusionismus traf auf strenge Ablehnung.

Schönauers Objektbilder lassen einen Tropf- bzw. Gießvorgang des unterschiedlich viskosen Malmaterials nachlesen. Der langsam auf dem Edelstahlblechträger erstarrte Acryllack ruft insbesondere bei den "steel-paintings" Assoziationen an Organisches hervor. Die "ct-paintings" hingegen, bei denen die Farbpigmente auf dem Trägermaterial physikalisch weitgehend voneinander getrennt bleiben und dadurch Raumtiefe erzeugen, präsentieren Formationen mit morphologischen und topographischen Assoziationen. Erinnerungen an Satellitenaufnahmen aus dem All oder endoskopische Aufnahmen aus dem Inneren eines Menschen stellen sich ein. Mal glaubt man das Aufblühen einer roten Blume im Zeitraffer als explosionsähnliche Momentaufnahme zu erkennen, mal das Dahingurgeln eines klaren hellblauen Baches, mal einen grünen Landstrich mit Flusslauf aus der Vogelperspektive.
Chronologisch gesehen, gehört die von Schönauer mit seinen Objekt-Bildern gewonnene experimentelle Erfahrung, was den Erstarrungsprozess des Farbmaterials anbelangt, auch zum Erscheinungsbild seiner aktuellen "atompops"-Skulpturen (2008/2009). In ihnen fand Schönauer wiederum zu neuer Ausdrucksform: Wo bislang scheinbar präzise Formen bei Annäherung mit ausgeklügelter Abweichung überraschten, präsentieren sich nun veritable, hochglänzende Edelstahlkugeln statuarisch aufeinander getürmt. Als Manifestationsform für Farbmaterial irritieren sie die Wahrnehmung nicht im Geringsten. Irritierend ist, dass bei einigen von ihnen das applizierte Epoxydharz-Gemisch konform mit der Aufwärtsbewegung der Skulptur aber kontrovers zur Schwerkraft erhärtet ist. Schönauer bedient sich hier nochmals einer größeren Materialsichtigkeit, diesmal mit Spiegeleffekten. Eine Seelen-Innenansicht, wie bereits oben etwa für "Refuge" angesprochen, lassen die "atom-pops" nicht zu. Sie bilden virtuelle Raumausschnitte ab, nehmen die Außenwelt bewusst auf und spiegeln sie in konvexer Perspektive. Einer der letzten Skulptur-Entwürfe "Barrack" für einen Investor in Dubai präsentiert einen erheblichen Glanzkontrast zwischen der natürlichen farbigen Qualität des grob geschliffenen Edelstahls einerseits und dem applizierten, gelb-orange, matt getrockneten Epoxydharz andererseits. Wiederum entgegen der natürlichen Schwerkraft überziehen feinen Farbstreifen, hier erstarrt in irritierenden Diagonallinien, die matt glänzende Skulptur, ein derzeit letztes Dokument des stetigen Wandels im mannigfaltigen Kunstspektrum Schönauers.

(Auszug aus: FARBE UND SKULPTUR, von Barbara Schildt-Specker)

 
 
Haupt-Quelle: http://www.cultrd.tv/
 
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