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Tom Schönauer

Tom Schönauer im Gespräch mit Carl Friedrich Schroer Part 2
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Der Zusammenhang von Himmel und Kunst gehörte zu den festen und selbstverständlichen Grundannahmen aller Kulturen. Nicht nur Luther reklamierte für die Musik eine direkte himmlische Abstammung („von dem Himmel selbst gekommen“), über Jahrhunderte wurden auch die Poesie und die bildenden Künste voller Emphase als Abkömmlinge des Himmlischen gefeiert. Schon deshalb muss man hellhörig werden, wenn der Bildhauer Thomas Schönauer eine Serie seiner neuen Stahlplastiken “Skyfall” oder auch „Skydrops“ nennt.
Durch die Verwendung des Englischen mit seiner Unterscheidung zwischen sky und heaven hat er sich zwar ein wenig, aber doch nicht wirklich aus der Traditionslinie genommen. Der deutsche Himmel führt uns zwar nie in die Irre, wie könnte er auch, aber er führt uns doch sogleich und unausweichlich in die Gefilde der Metaphysik, die der Künstler mit seinen Werktiteln so direkt nicht anzusteuern scheint. Wer Vorsicht walten lässt, kann den Mehrwert des deutschen Wortes „Himmel“ aber vielleicht doch gewinnbringend anlegen. Allerdings müssen wir bei der Übersetzung in unser geliebtes Deutsch auf der Hut sein. Die wörtliche Übertragung, der „Himmelfall“ – das Wort gibt es wirklich – oder „Himmelsturz“, meint die größte aller möglichen Katastrophen, den Einsturz des Himmelsgebäudes, das Auseinanderbrechen des Kosmos, den völligen Ordnungsverlust. Das ist hier nicht gemeint. Oben und unten bleiben unterscheidbar, es gibt einen Ort, von wo etwas herabfällt und es gibt Dinge, die herabfallen. Ich möchte die Übersetzung “Vom Himmel gefallen” riskieren, auch weil der Ausdruck in mehrfacher Hinsicht auf das Werk von Thomas Schönauer zuzutreffen scheint.
Denn jener himmlische Fallout, jene merkwürdigen Gebilde, müssen tatsächlich aus einer Welt stammen, die nicht die unseres Alltags ist. Das erkennt man bereits daran, dass sie zu nichts nutze sind, zumindest erschließt sich kein Nutzen auf den ersten Blick. Vielleicht könnten sie taugen als Modelle für die Baupläne irgendwelcher Zellgebilde, aber auch hier wäre der Nutzen gering angesichts der Tatsache, dass solche Modelle sich für das große Publikum ins Ornamentale auflösen. Immerhin hat der Künstler Assoziationen zu molekularen Strukturmodellen selbst herausgefordert, indem er Werktitel wie “Doppelfelix” vergab. Auch an eine ohne Rücksicht auf Schwerkraft oder Reibung wuchernde Weltraumarchitektur könnte man denken, zumal der Name „Skyfall“ in der Fantasy-Literatur mehrfach als Planetenname Verwendung fand. Und auf manchen Bildschirmschonern fallen ganz ähnliche Figuren aus dem virtuellen Himmel. „Skyfall“ – Himmelsabfall, auch das eine gedankliche Verbindung. Das Wort Abfall ist in mehrerer Hinsicht lesbar. Es kann das bezeichnen, das sich vom Himmel losgesagt, getrennt hat, in die Sphäre des Irdischen eingetreten ist und sich unter uns seinen Platz gesucht hat. Es kann aber auch eine Art von himmlischem Müll meinen, etwas, das bei Reinigungs- oder Umbauarbeiten im Himmel angefallen ist und nun in die Anziehungskraft der Erde geraten und auf ihr gelandet ist. Alles Assoziationen, die beim Anblick der Kunstwerke nicht so weit weg liegen.

Aber schauen wir noch einmal genauer hin: Die Elemente, die sich da, verbunden durch betont unauffällige Stege, aufeinander türmen und teilweise gegen den Mittelpunkt verschoben und von permanenter Instabilität bedroht übereinander und aneinander reihen, haben eine ziemlich amorphe Form. Gerade Kanten kontrastieren mit gewölbten Flächen, die Körper wirken kompakt und zugleich doch geschwungen. Schon die kontrastreiche Form der Einzelelemente begründet die Andersartigkeit und Eigenständigkeit der Skulpturen. Und das Spiel mit den Kontrasten setzt sich fort, denn dem Künstler gelingt es, die massiven Formen in ein bewegtes und bewegliches Verhältnis zueinander zu bringen. Diese Art von Beweglichkeit hat sich in den neuen Arbeiten im Vergleich zu früher sogar noch einmal gesteigert. Sie stehen wirklich da, als seien sie eben vom Himmel gefallen, in ihrer Abwärtsbewegung abrupt gebremst worden, sie zittern gewissermaßen noch vom Aufprall, wie ein Speer, der im Boden stecken bleibt, und weisen auch schon wieder nach oben, nach dem geheimnisvollen Ort ihrer Herkunft. Diese doppelte Verweisung – von oben und nach oben – erinnert mich an Goethes wunderbaren „Gesang der Geister über den Wassern“: „Der Menschen Seele/ Gleicht dem Wasser:/ Vom Himmel kommt es,/ Zum Himmel steigt es,/ Und wieder nieder/ Zur Erde muß es,/ Ewig wechselnd“, heißen die Eingangsverse des Gedichts. Von Goethe lernen heißt, fürs Leben lernen: Verweisen diese skulpturalen Zeichen, die aus einer anderen in unsere Welt gefallen sind, möglicherweise auf uns, auf unsere Seelen und ihre Unbehaustheit zwischen Geist und Körper, Ideal und Leben, Freiheit und Notwendigkeit? Begegnen wir uns in ihnen am Ende selbst, unserer eigenen Rätselhaftigkeit und unseren Widersprüchen? Auf jeden Fall sind es Zeichen, und es ist vor allem die Farbigkeit der Skulpturen, die darauf aufmerksam macht, dass die Zeichen uns gelten. Farben sind immer und überall Signalgeber. Hier verweisen sie auf uns. Es sind unsere Farben, Farben, die mit uns zu tun haben, unserer Gegenwart, unserem Leben: das intensive Rot, das Gelb, auch das kräftige Violett. Der Künstler hat diesen lebensweltlichen Aspekt noch dadurch verstärkt, dass er den Oberflächen die Malspuren ebenso beließ wie Kratzer und Einkerbungen.
Farbigkeit, Beweglichkeit, Zusammenklang: Das ist die eine Seite dieser Kunstwerke. Darunter liegt das Material, der Stahl mit seinen genau konträren Eigenschaften von Unfarbe, Starre und Härte. Das ist ein Aspekt, den ich an den Arbeiten von Thomas Schönauer stets besonders bemerkenswert fand: dieses Vermitteln von Kontrasten, die man sich eigentlich extremer kaum vorstellen kann. Das beinahe Vegetative und Bewegliche der Formen, die Leichtigkeit der Bewegungen steht neben der völligen Starrheit und großen Schwere des Werkstoffs, mit dem er umgeht. Dieser Akt der Befreiung aus der Materialität, das Übersteigen der Notwendigkeiten, der damit verbundene Ausblick in eine andere, freiere Welt, das ist es was die Kunst ausmacht, was auch die Kunst von Thomas Schönauer ausmacht.

Das gilt auch für jene Gebilde, die er neuerdings als „Atompops“ vor unsere Augen bringt. Der Name verweist auf molekulare Modelle, Haufen aus Atomen, den kleinsten, „unzerschneidbaren“ Bausteinen und Grundeinheiten aller Materie; er führt damit zugleich in die Sphäre der Physik, der Wissenschaft, die sich um die Baupläne der Welt kümmert. Auch solche Baupläne vermögen wir uns nicht anders als in Bildern vorzustellen. Mit diesen Bildern spielt der Künstler, wenn er dem Wissenschaftswort ‚Atom’ das schwer zu bestimmende ‚pop’ anhängt. Einerseits deutet der Wortteil ‚pop’ auf die Kugelform und den Zusammenhang der einzelnen Elemente der Skulpturen, die, ähnlich wie die Kohlensäure in der Flüssigkeit oder das ‚aufgepopte’ Maiskorn, aneinanderkleben, ohne Verbindungselemente zu benötigen. Solche Assoziationen werden allerdings gekreuzt und durchbrochen von der Bedeutung von ‚Pop’ als Name für eine kulturelle Strömung, die insbesondere auf die Aufhebung der Trennung von Kunst und Alltagswelt zielte, alle Lebensbereiche ins Künstlerische erheben und alle Kunstbereiche vom Podest zurück ins Leben holen wollte. Der Name „Atompops“ verbindet also strengste denkbare Wissenschaftlichkeit mit einem allumfassenden Kunstanspruch. Und genauso sehen die Skulpturen denn auch aus. Es ergeben sich eigenartige Kugelhaufen, Ballungen und Verbindungen von Kugeln unterschiedlicher Größe, teilweise geschlossen, dann nach verschiedenen Richtungen sich öffnend, dabei die Gesetze der Schwerkraft scheinbar ignorierend. Durch den Wegfall der Stege wurde ihnen die Beweglichkeit der Skyfalls genommen. Die Bewegung – und damit auch der Kontrast - kommt hier aus der Farbe, die nicht aufgetragen wurde, sondern aufgeflossen, teilweise herab getropft ist. Es handelt sich dabei um farbigen Epoxydharz, der eine sehr ausgeprägte Struktur auf der Oberfläche der Kugeln produziert, die unregelmäßig ist, aber doch, insbesondere, wenn man die Atompops zusammen sieht, nicht zufällig erscheint.

Aber was heißt schon zufällig? In der Kunst gibt es keine Zufälle, da es in ihr keine Zwecke und so auch keine Notwendigkeiten gibt. Sie entwirft Bilder der Welt jenseits der realen Zwänge, zeigt uns absichtslos-spielerisch die Strukturen der Dinge, ihren Kern. Verstehen lernen wir im Umgang mit der Kunst, uns und die Welt verstehen, und der Weg hin zu diesem Verstehen führt über die Bilder, die die Kunst uns und die wir uns mit ihr von den Dingen, von der Welt machen. „Wir machen uns Bilder von den Tatsachen.“ Dieses Wir meint alles menschliche Streben nach Erklärung, Verständnis, Herrschaft, es umgreift alle Formen der Annäherung an die Welt, neben der künstlerischen, wo es besonders evident ist, auch die wissenschaftliche Annäherung. Stets sind Bilder im Spiel, und in solchen Bildern liegen schließlich auch die Berührungspunkte zwischen Kunst und Wissenschaft. Man denke an die Zeichnungen von Finkenschnäbeln, die Charles Darwin von seiner Reise mitbrachte; oder an das Strukturmodell der DNA, den berühmten Doppelhelix von Francis Crick und James Watson, der ja nichts anderes ist als eine Zeichnung bzw. eine Skulptur. Die „Atompops“ platzieren sich schon durch ihren provozierenden Titel, aber auch in ihrer Machart in dieser Grenzregion zwischen künstlerischem und wissenschaftlichem Bild

Diese Grenzregion erkundet Thomas Schönauer besonders intensiv in seinen neuesten Arbeiten, den „ct-Paintings“. Es handelt sich um Stahlflächen, auf die dickflüssiger farbiger Epoxydharz so aufgebracht wird, dass er sich selbständig auf der Fläche verteilt, dabei Muster und neue Farbabstufungen bildet und wuchernde, an vegetatives Material erinnernde dreidimensionale Strukturen schafft. Angeregt sind diese Arbeiten von dem medizinischen Verfahren der „Computer Tomographie“, worunter die Möglichkeit zu verstehen ist, einen Körper per Röntgentechnik Schicht für Schicht aus verschiedensten Richtungen aufzunehmen und anschließend im Computer dreidimensional abzubilden. Zur Verdeutlichung werden in solchen Darstellungen die verschiedenen Strukturen und Bereiche gewöhnlich farblich gekennzeichnet. Der medizinisch gebildete Betrachter vermag dann Knochen, Muskelfasern, Nerven, Blutgefäße etc. voneinander zu unterschieden. Schaut man als Laie auf solche CTs sieht man vor allem eine farbige Komposition, die die Neugierde weckt und unseren ästhetischen Sinn anspricht. Es löst sich eine Flut von Assoziationen beim Anblick der ineinander verschlungenen, mal zerfließenden, mal scharf konturierten Farbfelder, deren Verhältnis zu einander in Form und Farbigkeit ganz selbstverständlich nach Interpretation, nach Verstehen verlangt.
Dieser Prozess wird auch nicht dadurch unterbrochen, dass ein Fachmann uns darüber aufklärt, wofür die einzelnen Felder und Farben stehen und was sie in medizinischer Hinsicht bedeuten. Die Kunst hat, insbesondere im 20. Jahrhundert, mit ihren Mitteln nicht nur auf die Technisierung der Welt, sondern auch auf die neuen Bilder von der Welt reagiert, seien sie durch neue Verfahren wie die Fotographie oder auch nur durch eine andere Bewertung der Überlieferung erzeugt worden. Die elektronische Revolution der letzten Jahrzehnte hat diesen Prozess wieder in eine neue Phase eintreten lassen, und es ist nur selbstverständlich, dass die Kunst auch hierzu Stellung nimmt. Im Blick auf die Unterscheidung von Kunst und Wissenschaft war ein Ergebnis dieser Auseinandersetzung die Einsicht darin, dass es nicht die Bilder selbst sind, die den Unterschied zwischen Wissenschaft und Kunst ausmachen, sondern nur die Perspektive auf die Bilder. Künstlerischer und wissenschaftlicher Blick sind keine sich ausschließende, sondern komplementäre Annäherungswege an die Welt. Die Bemühung der modernen Wissenschaft, gewissermaßen Schicht für Schicht in das Innenleben des menschlichen Körpers einzudringen, Dinge und Zusammenhänge, die bislang unsichtbar waren, zu entdecken und über Bilder anschaulich zu machen, verlaufen parallel zu den Anstrengungen der Kunst. Die CT-paintings von Thomas Schönauer stehen in der postmodernen Tradition einer Kunst, die diese Komplementarität dadurch zu ihrem Thema macht, dass sie sie ins Bild setzt.

Lassen sich die CT-paintings so auf eine Auseinandersetzung mit neuen technischen Bildgebungsverfahren ein, die unter dem Begriff „imaging“ laufen (Computersprache für Malerei), und setzen sie auf diese Weise einen neuen Akzent im letzten Werkabschnitt von Thomas Schönauer, so stehen sie über das Material und die Art, Kontraste und Gegensätze in sich aufzunehmen, deutlich in der Linie seiner früheren Arbeiten. Insgesamt reiht diese Kunst aber ein in einer Tradition, die zurückreicht bis zu den Grundlagen der Moderne, den deutschen Romantikern mit ihrem umfassenden Syntheseprogramm. Für Friedrich Schlegel waren die Erfinder der modernen Physik eher Künstler als Wissenschaftler. Einen Unterschied zwischen Kunst und Wissenschaft wollte er nicht gelten lassen, und erst recht keinen zwischen Kunst und Leben. Das war und ist die eigentliche, die entscheidende Grenze, an der die Künstler sich abarbeiten. Thomas Schönauer ist es gelungen, mit seinem Werk diese Grenze hinter sich zu lassen. Seine Kunst ist im Leben angekommen, sie ist „vom Himmel gefallen“.

„Vom Himmel gefallen“, Zum Werk Thomas Schönauers, Bernd Kortländer

 
 
Haupt-Quelle: http://www.cultrd.tv/
 
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